Schreibübung: Beschreiben

Heimat

Bei der Annäherung von jenseits unseres Sonnensystems erscheint einem die Erde irgendwann, durch die reflektierten Sonnenstrahlen, nur wie ein weiterer weit entfernter Stern im unendlichen schwarzen Meer des Kosmos. Erst mit der Zeit enthüllt sich der Stern als eine blau schimmernde Kugel, durchzogen mit weißen Schleiern, akzentuiert von wenigen grünbraunen Flecken. Dieser Anblick strahlt im luftleeren Raum eine umfassende Ruhe aus. Begleitet wird die blaue Kugel von einem kleinen von Kratern überzogenen grauen Freund. Unzertrennlich sind die beiden in einem äonenalten Tanz verwoben. Die Farben der Erde werden zu Formen. Blau ist das Wasser der Ozeane. Die weißen Schleier sind unruhige Wolkenformationen gefangen im unendlichen Kreislauf von Entstehung und Auflösung. Und da sind Landmassen. Kontinente. Wüsten und Berge, Wälder und Wiesen. Und Städte. Zeichen von Leben. Felllose Wesen haben auf dem ganzen blauen Planeten ihre Wohnstätten hinterlassen. Runde. Eckige. Spitze. Flache. Aus Holz oder Stein. Manche auch aus gefrorenem Wasser. Das Haus meiner Eltern jedenfalls ist aus einer Art Stein gebaut. Gekrönt von einem flachen Spitzdach. Jetzt ist es schon fast zu erahnen. Der Standort ist dreifach eingerahmt. Mitternachtsblau bilden Flüsse und Seen den äußersten Rahmen. Das satte Grün der umliegenden Wälder erschafft die mittlere Umgrenzung. Und der Dritte besteht aus dem mosaikartigen Reigen von Straßen und Häusern. Dieses Mosaik trägt den Namen Müggelheim. Und hier in einer unscheinbaren Straße, deren graue Asphaltplatten noch aus der Zeit des großen Krieges stammen, steht mein Elternhaus, wo ich aufgewachsen bin.

Steht man davor, fällt der Blick als Erstes auf den Zaun. Graue, ein Meter lange Granitplatten liegen auf roten Klinkersteinen, deren Farbsättigung im Laufe der letzten drei Jahrzehnte deutlich gelitten hat. Diese Anordnung wiederholt sich dreimal in die Höhe, wodurch mehrere Fenster auf das dahinter liegen Grundstück entstehen. Da wir uns auf einem kleinen Hang befinden, ist der Zaun in die Breite wie eine langsam ansteigende Treppe aufgebaut. Er wirkt auf einen Betrachter sehr massiv und standhaft. Kein Vergleich zu den oft in dieser gegen anzutreffenden Maschendrahtzäunen oder Jägerzäunen.

Massiv wirkt auch das Gartentor. Simple schwarz angestrichene gusseiserne Schweißkunst. Vom äußeren Rahmen verlaufen mehrere gedrehte Metallstreben wie schwarze Sonnenstrahlen zur Mitte der Torhälften und fixieren einen kleineren Rahmen, der als Kind gern zum Kopf durchstecken einlud.

Der Vorgarten ist in seinen räumlichen Ausmaßen nicht besonders beeindruckend, aber er macht einen sehr gepflegten Eindruck und lässt auf floristisches Interesse der Bewohner schließen. Tannen im Alter von ein bis sieben Jahren zieren die rechte Hälfte des Vorgartens und grenzen das Grundstück bis zur Hausmauer vom Nachbarn ab. Das Haus selbst wirkt von außen unscheinbar. Weißer Außenputz durchbrochen von drei dunklen alten Holzfensterrahmen ziert die Front. Die Garageneinfahrt ist stark abschüssig und besteht aus Pflastersteinen. Eine betagte, aber doch stabil wirkende doppelseitige Holztür verschließt den Zugang. Auch der Personeneingang besteht aus massivem Holz und ist in dunklen Farben gehalten. Ebenso der Giebel. Haus und Zaun besitzen von außen die Ausstrahlung eines Steins im Wald. Unscheinbar. Uninteressant. Nicht der Mühe wert weiter betrachtet zu werden. Diese Ruhe strahlt auch die erweiterte Umgebung aus. Vögel zwitschern. Insekten summen. Hier ist noch Natur. Nur selten kommt ein röhrendes Automobil vorbei. Passanten führen Hunde spazieren oder schlendern einfach zum Vergnügen durch die ruhigen Wege. Ein Ärgernis sind allein die Rasenmäher am Wochenende.

Manche Steine sind aber nur von außen unscheinbar. Bricht man sie auf, offenbaren sie wunderschöne kristalline Formen, mit denen man niemals gerechnet hat. So auch hier. Schreitet man durch die massive Eingangstür und erklimmt die drei Stufen im Vorflur, wird man mit unerwarteten Farben konfrontiert. Sonnengelb leuchtet dem Besucher die Tapete des Hauptflures entgegen und vermittelt sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Und woher rührt dieser bekannte, aber nicht gleich zuzuordnende Geruch? Ein Blick um die nächste Ecke löst das Geheimnis. Ein überdachter Swimmingpool glitzert freudig hinter einer Glastür hervor. Ein leichter Chlorgeruch ist von hier immer wahrzunehmen. Das Licht fällt durch große Fenster in den Innenraum und reflektiert sich auf der Wasseroberfläche. Weiter durch den Flur passiert man eine kleine funktionelle Küche und erreicht dahinter das Wohnzimmer. Eine weiße Ledercouchgarnitur umrahmt einen stilvollen Glastisch. Und an der Innenwand ist ein riesiger, offener Kamin, gemauert aus den gleichen roten Klinkern wie der der Zaun, eingesetzt. Das darin lodernde Feuer beruhigt die Seele und seine wohlige Wärme erfüllt den ganzen Raum. Vom Wohnzimmer kann man aus einem großen Fenster in den Garten schauen. Dort steht das Klettergerüst aus meinen Kindertagen. Ebenso wie ein Buddelkasten. Beides jetzt eher genutzt von den Kindern meines Bruders und meiner Cousins. Vom Haus ragt eine geräumige Terrasse in den Garten inklusive einer bequem aussehenden Hollywoodschaukel. Verschiedenste bunte Blumen zieren ein großflächiges Blumenbeet sowie einen Steingarten. Die Farben und Formen künden von der Liebe der Gartenbewirtschafter. Der Rasen ist frisch und akkurat gemäht. Johannisbeersträucher haben sich in den Lücken zwischen Apfelbäumen versteckt und kleine Meisen zwitschern vergnügt auf dem Pflaumenbaum. Im hinteren Teil des Gartens steht ein weiteres Gebäude. Oft ist es vermietet an Urlauber, die das nahe Berlin besuchen oder auch die Schönheit der Natur nutzen wollen. In diesem ruhigen, schönen und einfachen Haus bin ich aufgewachsen und habe die Zeit sehr genossen.

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