Schreibübung: Dialog

Das Gespräch beim Psychologen

„Hallo, Agent Sanders. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, mit einer Handbewegung fordert Philipps den Neuankömmling auf, sich auf einen Stuhl vor dem massiven hölzernen Schreibtisch zu setzen.

Sanders setzt sich behutsam auf den Designerstuhl und fixiert Philipps.

„Direktor Carlston hat mir befohlen, mich bei Ihnen untersuchen zu lassen. Ich bin also nicht ganz freiwillig hier, Doktor.“

Drei Sekunden vergehen, in denen sich beide Männer taxierend in die Augen schauen.

„Sie sind zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet, oder Doktor?“

Philipps schaut Sanders tief in die Augen, während er sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch abstützt. Er legt die Fingerspitzen beider Hände aneinander und berührt seine Nase mit den Seiten der Zeigefinger.

„In Ihrem Tonfall schwingt eine Drohung mit, Agent Sanders. Muss ich mir Sorgen machen?“

„Das hängt von Ihrer Antwort ab, Doktor.“

Philipps greift sich einen Aktenordner vom Tisch und lehnt sich in seinem Stuhl zurück, während er die Seiten durchblättert.

„Agent Leutnant Daniel Sanders. Alter: 34. Verheiratet. Ein Sohn. Leiter der Verhörabteilung. Und Sie sind in dem Metier einer der besten, wenn man sich das hier durchliest.“

Philipps legt die Akte vor sich auf den Tisch.

„Und Sie wollen aussteigen!…“

Sanders springt auf und greift in das Innere seines Jacketts.

„… Ja, ich bin verpflichtet zu schweigen“, fügt Philipps noch schnell hinzu.

Sanders hält inne.

„Welche Überraschung also auch immer sie gerade hervorholen wollten, sie kann gern in Ihrer Tasche bleiben. Bitte setzen Sie sich wieder.“ Philipps zeigt auf den Stuhl.

Sanders macht diesmal keine Anstalten, der Aufforderung Folge zu leisten. Seine Hand steckt weiterhin in seinem Jackett. Phillips atmet leicht genervt aus.

„Natürlich versucht Direktor Carlston immer wieder vertrauliche Information von mir zu erhalten. Aber ich werfe ihm, wenn überhaupt, nur kleine unbedeutende Fakten vor die Füße. Damit ist er meist beruhigt.“

„Woher wissen Sie, dass ich aussteigen will?“

„Ich bin seit 30 Jahren Psychologe. Und 25 davon arbeite ich mit Geheimagenten zusammen. Jeder von euch denkt, er wäre einzigartig und geheimnisvoll. Aber in Wahrheit besitzt ihr alle so viele Gemeinsamkeiten, dass es unvermeidlich ist gewisse Muster wahrzunehmen. Sie sind nicht der Erste, der so vor mir sitzt. Oder steht. Wenn Sie sich wieder setzen würden, könnten wir in Ruhe über Ihre Situation reden.“

Sanders denkt angestrengt nach. Nach zwei weiteren langen Sekunden lässt er seine Hand ohne Inhalt wieder aus dem Jackett gleiten und setzt sich hin.

„Also, Agent Sanders. Warum möchten Sie aufhören?“

Sanders zögert, bevor er spricht.

„Ich kann das nicht mehr. Mein ganzes Leben ist geprägt durch eine gewisse Teilnahmslosigkeit. Dinge sind mir nie so nah gegangen wie anderen. Das Abschlusszeugnis? Stoische Akzeptanz ohne Leidenschaft. Der Tod meiner Eltern? Keine Trauer. Menschen waren oft irritiert von mir. Ich habe das als eine Chance wahrgenommen. Mein Mangel an Skrupel schien mir wie geschaffen für eine Arbeit in den Schatten. Also ging ich zur CIA. Und hier wurde ich Verhörspezialist, sogar einer der Besten. Es hat mir lange nichts ausgemacht, Methoden anzuwenden, die laut Genfer Konvention verboten sind. Aber es hat sich etwas bei mir verändert. Ich habe meine Frau kennengelernt und unser Sohn wurde geboren. Und seitdem nehme ich Dinge anders wahr. Zwar langsam, aber ich verspüre auf einmal Gefühle von Mitleid. Und Schuldgefühle. Bis vor kurzem waren mir diese Emotionen unbekannt.“

Sanders nimmt sich ein Glas Wasser, welches auf dem Schreibtisch bereitsteht, und trinkt es aus. „Nach außen habe ich versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Aber das gelingt mir immer weniger. Nach dem Verhör gestern war ich einfach fertig. Das muss auch Direktor Carlston bemerkt haben. Darum hat er mich hergeschickt.“

„Warum lassen sie sich nicht versetzen?“

Ich glaube, Carlston würde das nicht zulassen. Wie gesagt, wir wenden da unten Methoden an, die klar gegen Gesetze verstoßen.“

„Vielleicht weiß ich eine Möglichkeit für Sie, Agent Sanders.“

Sanders hebt die Augenbraue.

„Haben sie schon einmal von EXIST gehört?“

„EXIST ist doch der Geheimdienst, bei dem keiner weiß, was die genau tun.“

„Ja, das ist korrekt. Ich allerdings kann Ihnen versichern, dass es dort keine illegalen Verhöre gibt. Die Arbeit ist trotzdem fordernd und EXIST hat immer Interesse an sehr guten Mitarbeitern. Wir Agency-Psychologen sind so etwas wie deren Rekrutierungsstelle. Ihre Akte liest sich vielversprechend. Wenn Sie wollen, kann ich dafür sorgen, dass EXIST sie anfordert. Carlston kann dann nicht anders, als sie abzubestellen. Also sind Sie interessiert?“

„Was ist der Haken?“

„Sie sind regelmäßig längere Zeit von ihrer Familie entfernt sein und müssen absolute Verschwiegenheit wahren.“

Sanders denkt nach.

„Sind schon viele Agents über sie zu EXIST gekommen? Und haben sie jemals wieder von Ihnen gehört??“

„Pro Jahr empfehle ich ein bis zwei Personen. Einen direkten Kontakt darf ich im Anschluss dann zwar nicht mehr pflegen aber ich besitze ja auch so meine Quellen. Zumindest die letzen drei leben noch und gehen geregelt ihrer Arbeit nach. Woraus auch immer diese bestehen mag.“

„Ok, ich mache mit. Hier gibt es für mich einfach keine Zukunft mehr.“

„Dann leite ich alles in die Wege.“

Philipps steht auf, tritt um den Tisch herum und reicht Sanders die Hand.

„Ich bedanke mich für ihren Besuch und wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag. Sie werden in den nächsten Tagen Post bekommen.“

Sanders erhebt sich ebenfalls und ergreift Phillips Hand.

„Ich danke Ihnen, Doktor.“

„Keine Ursache.“

Sanders dreht sich um und verlässt das Büro mit einem Ausdruck von Hoffnung auf dem Gesicht.

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