Schreibübung: Gliederung und Text

Das Lächeln

Sie schloss das Fenster und nahm eine gerahmte Fotografie vom Schreibtisch. Roman in der Badehose. Hinter sich hatte er ein Frottiertuch mit beiden Armen ausgespannt, als wollte er es sich gerade um die Schultern legen. Seine Haare glänzten nass. Er lächelte.

Dieses vermaledeite zuckersüße Lächeln. Die unbändige Wut stieg kurz wieder in ihr empor und sie warf das Bild auf den Boden, wo die Glasfront mit lautem Klirren zersplitterte. Roman, dieses Schwein, mit dem verführerischsten Lächeln der Welt.

Sie waren Arbeitskollegen gewesen. Vom ersten Tag an hatte sie dieses Lächeln verzaubert. Zuerst ging sie auf Romans Flirt gar nicht ein. Es war undenkbar, dass solch ein charmanter und gutaussehender Mann ausgerechnet ihr Avancen entgegenbrachte. Aber Roman war hartnäckig. Und ihre Zweifel schwanden. Er war ihr Prinz wie im Märchen. Und sie die strahlende Prinzessin. Er habe sich in ihr verstecktes Temperament verliebt, sagte er immer.

Gott, wie naiv sie war. Und blind. Sein Lächeln hatte sie erblinden lassen. Sie verzaubert. Nicht mehr klar denken lassen. Ein Jahr lang trafen sie sich jetzt schon regelmäßig. In ihren Augen waren sie längst ein Paar. Romans Sicht war eine andere. Sie stieß bei dem Gedanken ein kurzes verzweifeltes Kichern aus. Aber wurde dann gleich wieder von schmerzhaften Gefühlen umhüllt. Ihre Beine gaben nach und sie sackte auf den Boden, während sie in Tränen ausbrach. Um sie herum die Scherben. Und ein Telefon, aus dem eine für sie nicht mehr wahrnehmbare Stimme zu ihr spricht.

Wie konnte ein Mensch so unglaublich dumm sein. Er hatte immer etwas Wichtiges vor, wenn er Ihre Eltern kennenlernen sollte. Ihre Vorschlägen bezüglich einer gemeinsamen Wohnung wich auch ebenso regelmäßig aus. Klar war sie darüber wütend. Fuchsteufelswild sogar. Mehr als ein Teller ging im Streit zu Bruch. Aber sein Lächeln schaffte es, ihre Wut immer wieder zu bändigen.

Aber nicht dieses Mal. Offensichtlich hatte Roman mit seinem Lächeln nicht nur bei ihr Erfolg gehabt. Sie wurde heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit von einer verzweifelten Frau angesprochen. Diese andere Frau behauptete, Romans Freundin zu sein. Seit Fünf Jahren schon. Ja sogar mit ihm zusammen zu wohnen. Sie selbst war bei diesem Zusammentreffen wie erstarrt. Diese Frau erzählte ihr auch von all den anderen Frauen, mit denen Roman im Laufe der Jahre Affären hatte.

Von dem Gespräch blieben nur wenige Einzelheiten hängen. Einzig das Gefühl war noch exakt so präsent wie am Morgen. Unbändige Enttäuschung. Und Wut. Hass. Selbst Beelzebub persönlich hätte den Hass, den sie empfand, nicht ausgehalten.

Dieses verdammte Lächeln. Es hatte schon unzählige Frauen, wie sie, in den Bann gezogen und nicht mehr losgelassen.

Roman muss es wie eine Gabe erschienen sein. Frauen konnten sich ihm nicht entziehen. Am Abend kam er dann zu Ihr. Er wusste nicht, dass die andere sie angesprochen hatte. Er versuchte sich zu erklären. Natürlich setzte er sein Lächeln ein. Diese verfluchte Gabe war mächtig. Beinahe zu mächtig. Aber jetzt nicht mehr. Durch das Fenster dringt stakkatoartiges blaues Licht. Roman lächelt nicht mehr. Er liegt jetzt in einer riesigen Blutlache in der Küche.

Und Lisa sitzt auf dem Fußboden im Wohnzimmer und weint.

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