Kurzgeschichte:Gedanken vor dem Start

Die Sonne geht unter und Ayslyn steht mit traurigem Blick an der Steilküste von Port Markos. Sie beobachtet das unvergleichliche Naturschauspiel. Ein letztes Mal. In drei Stunden wird sie an Bord der „Kamio“ sein und mit dieser hoch zu den weit entfernten Sternen aufsteigen. Und sie wird nicht wiederkommen. Sie wollte ihr ganzes Leben nichts Anderes. Ihre Eltern erzählten ihr immer, dass sie schon als vierjährige fasziniert war von den Sternen am nächtlichen Firmament, von Satelliten und von Raumschiffen. Oft schlich sie heimlich nachts nach draußen um sich in den Garten zu legen und in den Himmel zu starren. Es gab bei ihr eine unerklärliche Sehnsucht. Und diese Sehnsucht wurde zum Ziel. Ein Ziel, was nur zu erreichen ist, wenn man die beste ist. Und das war sie. Immer. Sie war im Skifahren die Beste, im Fußball die Beste und natürlich in der Schule auch. Ihr Ehrgeiziger Wunsch war nur mit absoluter Leistung und Willen zu erreichen. Abschluss mit Auszeichnung war dementsprechend kein Grund für überschwänglichen Jubel, sondern allein ein weiterer erfolgreich absolvierter Schritt in Richtung der Galaxis. Aber die Beste zu sein reicht nicht. Alles muss passen. Blut, Schweiß, Tränen und Glück. Das Blut gab es durch Ihre Eltern. Hervorragende genetische Grundlagen gepaart mit angemessenem Wohlstand und einer Erziehung, in der sie sich entfalten konnte. Schweiß durch harte Arbeit um immer die Beste zu sein. Natürlich Tränen. Sie hatte sich für viele Entbehrungen vom normalen Alltag entschieden. Kaum Freizeit. Kaum Freunde und keine Familienplanung. Hobbys? Nur Eines. Der Himmel. Und Glück: Ohne funktioniert Garnichts. Wäre sie nur 100 Jahre früher geboren worden gäbe es überhaupt keinen Weg um ihr Verlangen nach den Sternen zu befriedigen.

Vor einer Stunde fand der Abschied von der Familie statt. Bei dem Gedanken verkrampft Ayslyn leicht. Gedanken an Menschen, die sie nie wiedersehen wird. Es ist schon erstaunlich, wie sie kurz vor dem Moment, auf den sie ihr ganzes Leben ausgerichtet hat, keine Euphorie, sondern Melancholie empfindet. Aber das wird nur von kurzer Dauer sein. Bald hat sie keine Zeit für solche Gedanken mehr. Gerade deswegen badet sie in diesen schwermütigen Gefühlen um sie vollends in sich aufzunehmen und wertzuschätzen. Immerhin sind sie ein Zeichen, dass sie doch noch ein Mensch ist und keine gefühlsarme Maschine. Als die Sonne komplett hinter den Wellen versunken ist strafft sich Ayslyn innerlich und kehrt zurück zu der ihr gewohnten körperlichen Ruhe. Sie dreht sich um und schreitet ihrer Zukunft entgegen.

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