Märchen: Hamid das Wüstenpferd

Die heutige Geschichte habe ich schon vor einigen Jahren geschrieben. Da ich sie aber als recht gelungen empfinden wird sie hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Es war einmal eine Herde rassiger Wüstenpferde, welche frei und ungezügelt von Oase zu Oase zogen und sich ihres Lebens erfreuten. Eines Tages jedoch sollte sich das Leben der Pferde zum Schlechten wenden. Beim Besuch einer ihrer beliebtesten Oasen mussten sie feststellen, dass dort kaum noch Wasser vorhanden war. Der Anführer der Herde, Sultan Karim, beschloss, dass jedes Tier nur den Grunddurst stillen darf und alle sofort zum nächsten Wasserort weiterziehen.
Nach einer eintägigen Reise erreichten die Pferde die nächste Oase. Erschrocken stellten sie fest, dass auch dort weniger Wasser vorhanden war, als es in dieser Jahreszeit üblich war. Die Herde geriet langsam in Panik und der Sultan berief eine Versammlung zur Beratung ein. Es wurde beschlossen einen Boten zum Katzenorakel zu schicken, um den Grund für den Wassermangel zu ergründen. Die Wahl fiel auf Hamid den schnellsten und stolzesten aller Hengste in der Herde. Hamid füllte noch einmal seinen Bauch und machte sich, begleitet von Abschiedsgrüßen seiner Pferdefreunde, auf ins nördliche Katzenkönigreich, um das Orakel zu treffen.
Auf seinem Weg passierte er weitere altbekannte Wasserstätten, die ihrerseits auch alle im Begriff waren auszutrocknen. Diese Erkenntnis spornte ihn an, sich noch mehr zu beeilen, und so erreichte er nach fünf Tagen die Stadt der Katzen, Kheseth. Leider fand er die Tore der Fellmetropole verschlossen. Jegliches Klopfen führte zu keiner Reaktion. Plötzlich vernahm er ein flüstern, welches von einem nahen Felsen herrührte.
„Psst. Komm mal her großer.“
Da Hamid nicht nur der schnellste und stolzeste aller Hengste war, sondern auch der neugierigste, entschied er sich, den Ursprung des Flüsterns zu ergründen. Er näherte sich dem Felsen und erblickte eine schwarzweiß gestreifte Katze, die nur noch ein Ohr hatte.
„Na du bist ja mal ein stattlicher Bursche. Was führt dich denn in unser Königreich“, sprach sie mit einem merkwürdig abgehackten Akzent.
„Kleines Wesen. Ich bin Hamid der Wüstenläufer. Der schnellste und stärkste meiner Herde. Und ich wollte zum Orakel um zu ergründen, warum alle uns bekannten Wasserorte austrocknen.“
Die Katze blinzelte zweimal.
„Da hast du wohl etwas Pech Hamid. Wir Katzen feiern gerade Katmarandu. Während dieser Zeit sind alle Tore der Stadt verschlossen und keiner kann rein oder raus.“
„Warum bist du dann hier draußen und feierst nicht mit?“
Statt zu antworten, schlug die seltsame Katze drei Saltos, setzte sich in einen Schneidersitz und starrte ihn an.
Komische Kreatur dachte Hamid und wollte sich schon abwenden, als die Katze doch wieder die Stimme erhob.
„Ich kann dir helfen Hamid. Ich weiß, warum euer Wasser zur Neige geht. Aber meine Hilfe hat einen Preis.“
„Was für einen Preis?“
Die Katze schlug wieder drei Saltos.
„Es ist ganz einfach. Du musst nur ein Rennen gegen mich gewinnen. Einmal um die Stadt.“
Hamid traute seinen Ohren nicht.
„Du kleines Wesen willst gegen mich ein Rennen laufen? Gegen Hamid den schnellsten unter der Sonne? Das ist für mich doch ein kleiner Spaziergang.“
Die Katze schlug wieder verzückt drei Saltos.
„Wohlan Hamid. Ich denke du wirst heute dein blaues Wunder erleben, und von mir, Jules dem fantastischen, deine Grenzen aufgezeigt bekommen.“ Jules pfiff dreimal laut und ein kleiner Vogel kam herangeflogen.
„Das ist Hermann mein Diener. Er wird das Startsignal geben.“
Jules strich eine Linie in den Sand, welche als Start und Ziel dienen sollte und beide Tiere machten sich bereit.
trillilililiiiii zwitscherte Hermann und Hamid sprintete los. Nach ein paar hundert Metern schaute er zurück aber Jules war nicht mehr zu sehen. Siegessicher verfiel Hamid in einen leichten Trab. Auch nachdem er die Hälfte der Stadt umrundet hatte, war von Jules kein Anzeichen zu entdecken. Hamid konnte sich nur wundern, was den armen Tor geritten hatte, ausgerechnet ihn herauszufordern. Einige Zeit später hatte er die Stadt fast umrundet und konnte in der Ferne schon den Stein mit Hermann drauf sehen, als er plötzlich etwas hinter ihm hörte. Hamid blickte sich um und bekam einen fürchterlichen Schreck. Ein Gepard mit nur einem Ohr kam mit extremer Geschwindigkeit auf ihn zu. In wenigen Augenblicken wurde Hamid überholt und die große Katze überquerte die Ziellinie, was Hermann mit einem vergnügten trillilililiiiiii quittierte.
Ein paar Sekunden später erreichte auch Hamid den Felsen und regte sich erbost auf.
„Was ist das für ein Betrug. Wer bist du und wo ist Jules.“
Der Gepard vollführte drei Saltos und seine Gestalt verwandelte sich in eine Hamid bekannte Schwarzweiß gestreifte Katze, die nur noch ein Ohr hatte.
„Hahaha“, lachte Jules.“Du warst dir zu selbstsicher Hamid. Für Jules den Formwandler ist es ein leichtes die Statur eines Geparden anzunehmen. Hättest du das Rennen ernst genommen, hätte ich dich nie schlagen können, da ihr Pferde viel mehr Ausdauer habt und Geparden euch nur über kurze Strecken schlagen können aber deine Arroganz war dein Untergang.“
Hamid wurde sehr traurig, da er das Rennen verloren hatte und somit auch seine Chance zu erfahren, was mit dem Wasser seiner Herde los ist.
„Lass den Kopf nicht hängen Hamid. Ich wollte dir nur eine Lektion erteilen. Ich werde dir bei dem Wasserproblem helfen“ sagte Jules.
Hamid schaute ungläubig auf. Jules ging hinter den Felsen und holte ein Kugelaquarium hervor, in dem eine kleine Goldfischdame schwamm.
„Lass mich endlich wieder frei du Katzenmonster“, zeterte die Goldfischin.
Aber Jules lachte nur.
„Schau Hamid.Das ist Celine die Goldfischprinzessin. Ihr Volk ist für den Wasserrückgang verantwortlich. Die Wahrheit ist, dass auch unsere Stadt von Wassermangel bedroht ist. Ich konnte die Prinzessin vor einigen Tagen im großen Strom im Westen fangen. Ein wirklicher Glücksfang. Ihre Goldfischleibgarde war recht verdutzt als ich mich in einen Katzenhai verwandelte und so wurde sie pflichtvergessen zurückgelassen. Ich wollte sie zum Orakel bringen, aber ich war zu langsam. Während Katmarandu kann auch ich die Stadt nicht betreten.“
Hamid beugte sich zu Celine herunter.
„Ist das wahr Fisch? Ihr stehlt unser Wasser?“
Celine fing an zu schluchzen.
„Ja es ist wahr. Unser Volk ist in Lebensgefahr. Wir teilen uns den großen Strom mit den Barschen und zwischen unseren Völkern gibt es seit je her Konflikte. Das Wasser des Stromes kommt aus dem Süden aus der Region, in der die Barsche leben. Die Barsche haben allerdings fremdländische Biber angeheuert, damit diese einen Damm für sie Bauen und sie somit alles Wasser für sich haben. Wir haben versucht den Damm zu zerstören aber die Barsche haben ihn stark befestigt. Zusätzlich schützen sie ihr Wasser mit starken Schutzzaubern, die wir nicht durchdringen können. In der Not hat mein Vater unseren Magiern befohlen, sämtliches Grundwasser abzusaugen, damit unser Lebensraum erhalten bleibt. Das hat leider zur Folge, dass auch die Oasen und Wasserlöcher austrocknen.“
Hamid dachte kurz nach.
„Ich denke ich muss mit den Barschen reden. Jules nimm Celine und steig auf meinen Rücken.“
Jules ergriff das Kugelglas und setze sich auf Hamid woraufhin dieser los galoppierte in Richtung Barschsee. Auch Hermann begleitete das Trio mit einem trililii was Jules mit einem leichten Nicken gouttierte. Nach zwei Tagen erreichten sie die Ufer des angestauten Barschsees.
„Wie können wir nun mit den Barschen reden“ ,fragte Hamid.
„Wir müssen ins Wasser zur ihrer Stadt tauchen“, antwortete Jules.
„Wie wollt ihr das tun. Ihr seid doch keine Fische“ warf Celine ein.
„Kein Problem für den fantastischen Jules“, sprach dieser.
Er kippte Celine in den See, schlug drei Saltos und verwandelte sich in einen Katzenhai, der mit einem lauten Platsch ins Wasser fiel.
„Hamid komm her meine Formwandlerkraft kann ich auch auf andere anwenden.“
Hamid stieg mit Hermann auf dem Rücken ins Wasser. Jules schwamm drei Loopings und Hamid verwandelte sich in ein Seepferdchen, während Hermann zur Krabbe wurde und das mit einem lauten klackklackiklack seiner Scheren kommentierte.
Die Gruppe tauchte hinab zur Stadt der Barsche. Vor den Kuppeln von Barschopolis wurden sie von einer Barschtroullie entdeckt, welche sie festsetzte und zum König der Barsche brachte.
Der König sprach „ Was dringt ihr in mein Reich ein. Was ist euer begehren?“
Hamid schwamm vor und erwiderte.
„Ehrenwerter Barschkönig. Euer Staudamm bedroht das Leben meiner Herde ebenso wie das Volk der Katzen. Da ihr versucht, die Goldfische auszutrocknen, zapfen diese nun das Grundwasser an und wir sitzen auf dem Trockenen.“
Der König verzog keine Miene.
„Was kümmert mich das Elend von anderen, wenn es meinem Volk gutgeht?“
Da hatte Hamid eine Idee.
„König ihr seid ehrlos und wir fordern euch zu einem Wettschwimmen heraus. Euer schnellster Schwimmer tritt an gegen Celine die Prinzessin der Goldfische. Eine Runde um Barschopolis. Wenn Celine gewinnt, lasst ihr so viel Wasser durch den Staudamm, dass die Goldfische nicht mehr gezwungen sind das Grundwasser anzuzapfen. Solltet ihr gewinnen ziehen wir ohne weitere Forderungen von dannen.
Der König wurde sehr böse.
„Ihr nennt mich ehrlos? Ich bin der schnellste Schwimmer im gesamten großen Strom. Ich nehme die Herausforderung an. Aber wenn ich Gewinne zieht ihr nicht nur von dannen sondern Celine wird auch meine Braut.“
Celine flüsterte Hamid leise zu „Was machst du Hamid? Ich bin keine schnelle Schwimmerin. Ich habe doch keine Chance.“
Hamid beruhigte sie.
„Keine Sorge der König ist genauso arrogant, wie ich es war. Mit Jules Fähigkeiten kannst du dieses Rennen gewinnen.“
So schwammen alle vor die Stadtkuppeln und Hermann sollte wieder das Startsignal geben.
klackiklack klapperten die Scheren von Hermann und los ging es. Der König gab sofort alles in der Annahme, dass Celine eine wirklich schnelle Schwimmerin sei. Als er sich nach 300 Metern umdrehte und von seiner Kontrahentin nichts mehr zu sehen war, konnte er sein Glück kaum fassen und drosselte sein Tempo. Er würde das locker zu Ende schwimmen ohne sich stark anzustrengen und weiterhin als der schnellste Schwimmer im Strom gelten. Nach einer halben Stunde hatte er die Stadt fast umrundet und konnte schon das Ziel sehen, als er plötzlich hinter sich etwas hörte. Er drehte sich um und erblickte eine Hechtfrau, die mit unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn zuraste. Ohne richtig zu realisieren, was da geschah, ging er nochmal in den vollen Sprint aber die Hechtfrau überholte ihn auf den letzten Metern.
Völlig erstarrt sah der König wie sich die Hechtfrau in Celine verwandelte, während der Katzenhai drei Loopings Schwamm.
„Ihr habt mich reingelegt“ brüllte der König zornig.
„Aber ich bin selber Schuld“ gab er danach kleinlaut zu.
„Hechte sind nur auf kurzen Strecken schneller als Barsche und hätte ich die gesamte Strecke über alles gegeben, hätte ich auch gewonnen. Nun gut ich bin ein Ehrenbarsch und wir werden genügend Wasser durch den Staudamm lassen damit die Goldfische leben können. Und jetzt geht mir aus den Augen“
Mit diesen Worten zogen sich alle Barsche in die Stadt zurück.
Glücklich tanzten Hamid, Celine, Jules und Hermann im Kreis bevor sie zurück zum Ufer schwammen. Jules verwandelte alle zurück und sie verabschiedeten sich von Celine, die durch den Staudamm zu ihrem Volk zurückschwimmen wollte.
Hamid brachte Jules und Hermann wieder zurück nach Kheseth, wo die beiden auf das Ende von Katmarandu warten wollten. Als Hamid nach weiteren fünf Tagen wieder zu seiner Herde zurückkehrte, hatten sich die Oasen wieder mit Wasser gefüllt und er wurde als Held gefeiert.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann zieht er mit seiner Herde immer noch durch die Wüste.

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